Hochbauprognose: Der Boom im Wohnungsbau flacht ab

Sinkende Mietrenditen, Kapazitätsengpässe in der Branche, knappes Bauland, Materialmangel – alles Gründe dafür, dass wohl vorerst Schluss sein dürfte mit dem Bau-Boom, wie das Beratungshaus EY Parthenon prophezeit. Der Wohnungsbau treibt das Wachstum noch an, doch die Dynamik flacht auch hier ab.

Die deutsche Baubranche kann auch nach der Corona-Krise nicht mit einem neuen Boom rechnen, schreibt die Unternehmensberatung EY Parthenon in ihrer "Hochbauprognose 2021". Nach einer Umsatzdelle in diesem Jahr wird sich demnach der Hochbau 2022 und 2023 zwar erholen – doch insgesamt prophezeien die Experten ein schwächeres Wachstum. Dafür gebe es mehrere Gründe: Angefangen bei sinkenden Mietrenditen über Kapazitätsengpässe in der Baubranche bis hin zu immer knapper werdendem Bauland, was wiederum die Baukosten weiter steigen lässt. Auch der Materialmangel verschärft sich weiter.

Die hohen Wachstumsraten der vergangenen Jahre würden nicht wieder erreicht, heißt es in dem Papier. Vor allem im Einzelhandel, zum Teil aber auch in Hotellerie und Gaststätten, erwarten die Berater schwächeres Wachstum. Für 2022 erwarten die Studienautoren, dass im Hochbau für Neubau und Renovierungen insgesamt 253,2 Milliarden Euro ausgegeben werden – das wären 1,4 Prozent mehr als in diesem Jahr. Für 2023 geht EY Parthenon von einem Plus von 1,5 Prozent aus.

Wohnungsbau: wesentlicher Treiber für den Hochbau

Zum Hochbau gehört der Bau von Gebäuden jeder Art, ob Wohnungen, Büros oder Türme. Bei den Zahlen machte sich die Corona-Krise 2020 vor allem in einem Rückgang des Wirtschaftsbaus bemerkbar: Die Neubautätigkeit für gewerbliche Zwecke ging laut EY um 3,5 Prozent zurück, die Renovierung bestehender Gebäude um 2,5 Prozent. Insgesamt schrumpfte der Nicht-Wohnungsbau im vergangenen Jahr um 1,5 Prozent, während der Wohnungsbau weiter kräftig zulegte.

Der Hochbau hat demnach auch im Krisenjahr 2020 vom Wachstum im Wohnungsbau profitiert. Der gewerbliche Wohnungsneubau legte gegenüber 2019 noch einmal um drei Prozent zu; während Renovierungsarbeiten im Geschosswohnungsbereich auf 2019er-Niveau stagnierten.

Doch auch im (Geschoss-)Wohnungsbau tritt nach dem Boom der vergangenen Jahre eine Abflachung ein – EY Parthenon rechnet in den kommenden Jahren weiter mit Wachstum, doch nur noch moderat um 1,6 Prozent im laufenden Jahr und durchschnittlich um 1,7 Prozent im Prognosezeitraum. Das größte Segment, der private Wohnungsbau, verliert mit plus 1,2 Prozent 2021 und dürfte laut EY Parthenon nur noch um ein Prozent pro Jahr bis 2023 leicht an Wachstumskraft gewinnen.

Wohnungsbau mit positiven Zukunftsaussichten

Die Experten von EY Parthenon erwarten jedoch, dass der Wohnungsbau auch in den nächsten Jahren Wachstumsmotor der Branche bleiben wird. Die Ausbreitung der städtischen Einzugsgebiete ins Umland wird dabei den Studienautoren zufolge ein wesentlicher Treiber sein. Auch die weiterhin hohe Nachfrage nach Wohnraum in den Städten dürfte die Dynamik im Wohnungsbau mittelfristig wieder anheizen. Ein höherer Homeoffice-Anteil sorgt schon kurzfristig für eine höhere Wohnungsnachfrage auch in den gut angebundenen Vororten, was den privaten und den gewerblichen Neubau stärkt.

Einflussfaktoren, die den Wohnungsbau unterstützen, sind langfristig ab 2023 darüber hinaus das Lohnniveau und die Wirtschaftsleistung, die nach Auffassung der Experten voraussichtlich ab 2021 wieder ansteigen werden. Urbanisierung und ein höherer Homeoffice-Anteil sorgen schon kurzfristig für eine höhere Wohnungsnachfrage nun auch in den gut angebundenen Vororten, was den privaten und den gewerblichen Neubau in diesen Gegenden stärkt. Den Neubau werden die niedrigen Zinsen weiter pushen, bei der Renovierung könnte das Thema Green Deal in Zukunft stimulierend wirken.

"Vorschriften und Fördermaßnahmen zur nachhaltigen Gebäudesanierung werden aber nicht nur positiv auf den Wohnungsbau einwirken", heißt es in der Studie. Negativ bewerten die Experten kurz- und langfristig, dass die Mietpreise schwächer steigen als die Kaufpreise, was die Mietrenditen insbesondere kommerzieller Investoren senkt. Auch die weitere Baulandverknappung hemmt mittel- bis langfristig die Wachstumsraten im Wohnungsbau.

Mangelware "Baumaterial": Dilemma der Baubranche

Zudem rechnen die Studienautoren "auch in den kommenden Jahren mit überdurchschnittlichen Preissteigerungen im Baugewerbe", wie Axel Schäfer, einer der Baufachleute bei EY Parthenon, sagte – und das liegt neben den bürokratischen sowie politischen Vorgaben nicht zuletzt an den steigenden Kosten wegen knapper werdenden Baumaterialien.

Das Problem mit der Knappheit von Baumaterial wird auch bei der jüngsten Konjunkturumfrage des Ifo-Instituts deutlich: Knapp die Hälfte (43,6 Prozent) der Betriebe im Hochbau gab im April an, Baustoffe nicht rechtzeitig beschaffen zu können. Im März waren es nur 5,6 Prozent. Das habe dazu geführt, dass etwa die Preise für Schnittholz in den vergangenen Monaten nahezu explodiert sind, auch Stahl hat sich demnach erheblich verteuert. Zudem sind Dämmmaterialien und Kunststoffe zunehmend Mangelware.

"Noch ist die Kapazitätsauslastung der Branche hoch. Die Lieferengpässe machen immer mehr Unternehmen Sorgen", sagte ifo-Umfrageexperte Felix Leiss. "Die rasant steigenden Rohstoffpreise machen der Branche zu schaffen."

EY Parthenon "Hochbauprognose 2021" (pdf)


Das könnte Sie auch interessieren:

Der Wohnungsbau zieht an – doch es reicht nicht

Recycling von Bauabfällen wird bundesweit geregelt

Wohnungsbau am Ortsrand: § 13b BauGB wird verlängert

Preise enteilen Mieten: Überhitzen die Wohnungsmärkte?

dpa
Schlagworte zum Thema:  Wohnungsbau, Bauwirtschaft