Tarifvertrag Wohnungswirtschaft: Die Verhandlungen laufen

Im Sommer beginnen die Tarifverhandlungen für die Unternehmen der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft. Verhandlungsführer der Branche sind Olaf Rabsilber und Christoph Beck. Sie erklären, worum es bei den Verhandlungen zuvorderst geht.

Die Tarifverhandlungen werden vom Arbeitgeberverband der Deutschen Immobilienwirtschaft (AGV) auf der einen Seite – vertreten durch Olaf Rabsilber (AGV-Vorstandsvorsitzender und Vorstandsvorsitzender der Sterkrader Wohnungsgenossenschaft eG) und Christoph Beck (AGV-Verbandsausschussvorsitzender und Vorstand der Berliner Degewo AG) – sowie einer Tarif­gemeinschaft der Gewerkschaften Verdi und IG Bauen-Agrar-Umwelt auf der anderen Seite geführt.  

Olaf Berger: Herr Beck, für Unbeteiligte sind Tarifverträge ein Mysterium. Nach oft lautem verbalen "Säbelrasseln" fällt dann scheinbar plötzlich ein Vertrag vom Himmel. Können Sie den Ablauf einer solchen Tarifverhandlungsrunde schildern?

Christoph Beck, Degewo AG
Christoph Beck, AGV-Verbandsausschussvorsitzender und Vorstand der Berliner Degewo AG

Christoph Beck: Es beginnt regelmäßig mit der Kündigung der Tarifverträge durch die Gewerkschaften und der damit einhergehenden Übersendung von Forderungen. Dann kommt unsere Arbeit. Zuständig für die Tarifpolitik im AGV ist der gewählte Verbandsausschuss, dessen Vorsitzender ich bin. Er ist mit Vertretern der Mitgliedsunternehmen aus ganz Deutschland besetzt. Die Gliederung entspricht den bekannten Bereichen der Regionalverbände. Aus diesen werden je nach regionaler Anzahl der Mitglieder im AGV zwischen zwei und fünf Vorstände und Geschäftsführende in den Verbandsausschuss gewählt. Vor Beginn einer Tarifverhandlungsrunde schauen wir uns dann gemeinsam die bundesweiten, aber auch branchenspezifischen volkswirtschaftlichen Daten an. Darüber hinaus bringen die Mitglieder des Verbandsausschusses aus ihren Wahlbezirken die Meinungen und Erwartungen der Mitgliedsunternehmen in die Diskussion ein. Auf dieser Grundlage entwickelt der Verbandsausschuss dann eine Strategie und eine Zielvorgabe für die Tarifverhandlungen.

Ist es vor dem Hintergrund der unterschiedlichen Leistungsfähigkeit von Unternehmen nicht schwierig, die Standpunkte unter einen Hut zu bringen?

Beck: Das ist manchmal sogar sehr schwierig. Gerade die vorige Tarifverhandlungsrunde hat das gezeigt. War der Tarifabschluss für die Mehrzahl der Mitgliedsunternehmen im Bereich ihrer Erwartungen, so haben uns einerseits Signale erreicht, dass er schon fast zu hoch war. Andererseits wurden Stimmen laut, die sagten, der Abschluss sei zu niedrig. Entsprechend war auch die Diskussionslage im Verbandsausschuss. Es sind häufig sehr intensive und langwierige Diskussionen, bis sich das Gremium auf einen Weg geeinigt hat. Das ist Demokratie.

Die Forderungen der Gewerkschaften sind regelmäßig deutlich höher als die dann vereinbarten Ergebnisse …

Olaf Rabsilber
Olaf Rabsilber, AGV-Vorstandsvorsitzender und Vorstandsvorsitzender der Sterkrader Wohnungsgenossenschaft eG

Olaf Rabsilber: Das wundert uns auch immer wieder, insbesondere da die Gewerkschaften das Ergebnis ihren Mitgliedern erklären müssen. Aber das gehört anscheinend zu den traditionellen Ritualen in Tarifverhandlungen. Möglicherweise glauben einige Mitglieder der Gewerkschaften, sie könnten tatsächlich entsprechende Forderungen begründen. Vielleicht ist es auch so, dass die Tarifkommission der Gewerkschaften dann zumindest im Nachhinein sagen kann, dass sie es versucht hat. Denn bei den Gewerkschaften dürfte in der Mitgliedschaft ein ähnlich heterogenes Meinungsbild bestehen wie in unserem Verbandsausschuss.

Die Tarifkommission des Arbeitgeberverbandes muss sich an der Leistungsfähigkeit der Unternehmen orientieren. Wie wird man den regional teilweise erheblichen Unterschieden gerecht?

Beck: Unsere Branche hat einen sogenannten Flächentarifvertrag, der einheitliche, für das gesamte Bundesgebiet geltende Arbeitsbedingungen, insbesondere auch die Vergütung regelt. Das ist eine Herausforderung, da die wirtschaftliche Kraft der Unternehmen regional sehr unterschiedlich ist. Die einfachste Strategie für die Tarifkommission des Arbeitgeberverbandes wäre es zu sagen, wir orientieren uns am wirtschaftlich schwächsten, denn je niedriger das Tarifergebnis ist, umso besser. Damit würden wir es uns aber zu einfach machen. Man muss sich darüber klar sein, dass Tarifregelungen in einer Branche immer die Mindestarbeitsbedingungen für die Unternehmen darstellen. Das ist ein wesentlicher Gedanke der Ordnungsfunktion von Tarifverträgen und spiegelt sich auch im Günstigkeitsprinzip wider.

Einerseits darf man arbeitsvertraglich Mitarbeiter eben nur besserstellen, wenn der Tarifvertrag es regelt. Wir müssen uns somit an der Leistungsfähigkeit nicht unbedingt des schwächsten Mitglieds, aber des unteren Drittels der Mitglieder orientieren. Wir haben die Aufgabe, die Arbeitsbedingungen in der Branche so zu regeln, dass die große Mehrheit mit ihnen arbeiten kann.

Andererseits müssen wir aber auch ein Auge darauf haben, dass das Vergütungsniveau der Branche so ist, dass wir auf den jeweiligen Arbeitsmärkten attraktive wettbewerbsfähige Arbeitsbedingungen haben und es junge Menschen nicht davon abhält, bei unseren Unternehmen ihre berufliche Zukunft zu suchen. Die hohe Kunst von Tarifverhandlungen ist es, diesen beiden Aspekten in einem Tarifergebnis hinreichend Rechnung zu tragen. Ich will behaupten, dass uns das in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten weitaus überwiegend gelungen ist.

Was erwarten Sie für die anstehende Tarifverhandlungsrunde?

Beck: Wir erwarten schwierige Verhandlungen. Die Branche ist bislang "mit einem blauen Auge" durch die Pandemie gekommen. Wir müssen einschätzen, wie sich die Entwicklungen in anderen Branchen auf die Zahlungsfähigkeit unserer Mieter auswirkt. Bisher ist die von den volkswirtschaftlichen Experten erwartete große Insolvenzwelle glücklicherweise ausgeblieben. Hoffen wir, dass es so bleibt. Wir wollen nicht tiefstapeln, aber wir dürfen auch nicht unvorsichtig sein. Wir werden versuchen, das richtige Augenmaß zu finden.

Die Tarifbindung lässt branchenübergreifend nach. Wie sehen Sie die Zukunft der Tarifautonomie insgesamt?

Beck: Ich halte das für problematisch. Denn das Prinzip, grundsätzliche Regelungen für Arbeitsbedingungen zwischen den Tarifparteien zu schaffen, scheint mir damit gefährdet und verstärkt die Tendenz des Gesetzgebers, einzugreifen. Der Rückgang der Tarifbindung weckt über alle Branchen hinweg Begehrlichkeiten der Politik. Der Staat, insbesondere das Bundesarbeitsministerium, will wieder mehr regulieren. Das geschieht dann mit dem "Rasenmäher". Die Bundeskanzlerin hat das ganz offen formuliert: Sie würde es zwar vorziehen, wenn die Arbeitsbedingungen in der deutschen Wirtschaft richtigerweise durch Tarifverträge geregelt würden. Geschehe dies aber nicht, müsse der Staat tätig werden. Das kann für keine Branche, für keinen Arbeitgeberverband und auch für keine Gewerkschaft gut sein. Daher ist es wichtig, dass Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften moderne, zukunftsorientierte Tarifpolitik betreiben. Dabei darf es nicht immer nur um Euro und Cent gehen.

Rabsilber: Dem kann ich nur beipflichten. Die Tarifautonomie war und ist über viele Jahrzehnte eine der wesentlichen Stützen der deutschen Wirtschaft und Basis für Gerechtigkeit und Wohlstand. Wer genau hinschaut, wird sehen, dass gerade in Krisenzeiten, ob es die Finanzkrise 2008 war oder jetzt die Pandemie, Tarifvertragsparteien branchenspezifische Regelungen mit Augenmaß getroffen haben, die der deutschen Wirtschaft geholfen haben, weitaus unbeschadeter durch diese Krisen zu kommen, als das vergleichbare Staaten ohne eine funktionierende Tarifautonomie geschafft haben. Dazu gehört aber auch, dass sich die Unternehmen nicht auf den Weg der weiteren Individualisierung der Arbeitsbedingungen machen, sondern dabei helfen, die Tarifautonomie – auch in der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft – zu stärken.

Vielen Dank für das Gespräch.


Das Interview führte Olaf Berger. Es ist voller Länge in der DW Die Wohnungswirtschaft 6/2021 erschienen.

Tarifvertrag 2019: 2,7 Prozent mehr Gehalt

Mit dem Tarifvertrag für die Wohnungswirtschaft von 2019 hatten sich die Arbeitgeber mit den Gewerkschaften Verdi und IG Bau zuletzt auf eine Lohnerhöhung von 2,7 Prozent für die Beschäftigten der deutschen Wohnungs- und Immobilienwirtschaft geeinigt. Der Vertrag galt vom 1. Juli 2019 bis zum 30. Juni 2020.

Nach "ungewöhnlich langen und auch extrem zähen Verhandlungen" sei das Ergebnis in der vierten Verhandlungsrunde erzielt worden, teilen die Gewerkschaften damals mit. Darüber hinaus hätten sich die Beteiligten darauf geeinigt, dass alle weiteren Themen zeitnah – auch außerhalb der Tarifrunden – weiterbehandelt werden, um in die künftigen Verhandlungen mit einer guten Vorbereitung einsteigen zu können.

Tarifvertrag Wohnungswirtschaft 2017: Lohnerhöhungen in zwei Stufen

Vor zwei Jahren sah der erzielte Abschluss für die 64.000 Beschäftigten der Wohnungswirtschaft insgesamt ein Plus von 4,6 Prozent vor, das in zwei Stufen umgesetzt wurde. Um die unteren Einkommen überproportional anzuheben, wurde damals zudem vereinbart, dass die Erhöhung mindestens 65 Euro beträgt. Für Auszubildende sah der Abschluss ein Plus von 40 Euro ab 1. Juli 2017 und weitere 30 Euro zum 1. Juli 2018 vor.