Studie zu Weiterbildung: Akademien leiden unter Corona-Krise

Der Lockdown in der ersten Jahreshälfte hat erhebliche Auswirkungen auf die Arbeit der deutschen Weiterbildungsakademien gezeigt. Die Mitglieder des Wuppertaler Kreises erwarten für das Jahr 2020 deutliche Umsatzrückgänge. Doch die Corona-Krise bietet für die Branche auch Chancen.

Der Wuppertaler Kreis e. V. mit Sitz in Köln ist ein Verband von rund 50 deutschen Weiterbildungsakademien. Im Jahr 2019 wurden von den Mitgliedern des Wuppertaler Kreises knapp 100.000 Seminare, Tagungen und Weiterbildungsveranstaltungen durchgeführt, in denen über 1,3 Millionen Fach- und Führungskräfte der Wirtschaft teilgenommen haben. 

Weiterbildungsbranche leidet unter wirtschaftlichen Einbrüchen

In der ersten Hälfte eines jeden Jahres führt der Verband seine viel beachtete "Verbandsumfrage" durch. Die Mitglieder werden aufgefordert, die Umsätze des laufenden Jahres zu schätzen und die aktuellen Weiterbildungstrends zu benennen. Ähnlich stark wie Kulturbetriebe, Tourismus und Gastronomie leidet die Weiterbildungsbranche unter großen wirtschaftlichen Einbrüchen aufgrund der präventiven Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Epidemie. Veranstaltungen werden abgesagt, Dienstreisen nicht genehmigt, Seminare fallen aus, viele Tagungszentren sind geschlossen. Fast alle Mitgliedsunternehmen im Wuppertaler Kreis berichten über erhebliche Umsatzeinbrüche im laufenden Jahr, vor allem im Bereich der offenen Seminare und Tagungen, aber auch bei den firmeninternen Seminaren und Weiterbildungsdienstleistungen.

Konkret sehen die Umsatzerwartungen der Mitgliedsunternehmen des Wuppertaler Kreises für das gesamte Jahr 2020 so aus: 92 Prozent erwarten einen Umsatzrückgang. 49 Prozent sagen sogar, dass der Umsatz um mehr als 20 Prozent sinken wird. 27 Prozent meinen, dass er immerhin um bis zu 20 Prozent zurückgeht und "nur" 16 Prozent gehen von einem geringen Umsatzeinbruch aus. Am stärksten ist der erwartete Umsatzrückgang bei den "offenen Seminaren" und bei den "firmeninternen Seminaren". Etwas weniger stark betroffen ist der Bereich der Lehr- und Studiengänge sowie der Seminare für öffentliche Auftraggeber. Gleichwohl verzeichnet die Mehrzahl der Anbieter auch hier starke Rückgänge.

Infrastruktur der Weiterbildung könnte nachhaltig Schaden nehmen

Mehr als die Hälfte der Mitglieder des Wuppertaler Kreises hat krisenbedingt Kurzarbeit für ihre Beschäftigten anordnen müssen, um die Arbeitsplätze nicht zu gefährden. Daneben wurden von einigen der Weiterbildungsdienstleister weitere Kriseninstrumente genutzt wie zum Beispiel Liquiditätshilfen, die Möglichkeit der Stundung von Beiträgen und Soforthilfen für kleine Unternehmen. Für Bildungsdienstleister, die im Bereich der arbeitsmarktpolitisch geförderten Maßnahmen tätig sind, ist das Sozialdienstleister-Einsatzgesetz eine Hilfe.

Es besteht laut Wuppertaler Kreis die Gefahr, dass die Weiterbildungsinfrastruktur in Deutschland durch die Pandemie nachhaltig Schaden nimmt. "Weiterbildung ist ein Schlüsselfaktor für die Transformationsprozesse der Unternehmen. Der notwendige digitale Strukturwandel in den Betrieben wird durch die Covid-19-Pandemie noch beschleunigt. Er erfordert ein hohes Engagement bei der Qualifizierung der Beschäftigten und vermehrte Investitionen, die gerade in Krisenzeiten antizyklisch aufrechterhalten werden sollten", heißt es in der Verbandsumfrage. Dies werde nur möglich sein, wenn die Weiterbildungsdienstleister selbst die Krise überstünden und gleichzeitig die Unternehmen auch in Krisenzeiten in Personalentwicklung und Weiterbildung investierten. Deshalb habe sich der Wuppertaler Kreis gegenüber der Politik dafür ausgesprochen, Weiterbildung in den Unternehmen gesondert zu fördern, indem überproportionale Abschreibungsmöglichkeiten für Weiterbildungskosten vorgesehen werden könnten.

"Geschäftslage-Indikator Weiterbildung" sinkt deutlich

Der Wuppertaler Kreis erhebt im Rahmen seiner Verbandsumfrage jährlich auch den "Geschäftslage-Indikator Weiterbildung". An diesem Indikator lässt sich die wirtschaftliche Stimmung in der Weiterbildungsbranche ablesen. Er bildet die Markterfolge der Weiterbildungsdienstleister im vergangenen und laufenden Jahr sowie die Erwartungen für das kommende Jahr ab. Dabei fließen sowohl die Anzahl der Aufträge (Auftragseingänge für interne Seminare und Anmeldungen für offene Seminare) als auch die Entwicklung der Marktpreise für die angebotenen Dienstleistungen in diese Kennzahl mit ein. Eine positive Entwicklung der Geschäftslage zeigt sich in einem Indikator von über 100, wenn Rückgänge erwartet werden, liegt der Indikator unter 100. Ergebnisse des vergangenen und des laufenden Jahres sowie die Erwartungen für das kommende Jahr fließen gemittelt in den Index ein. Für das Jahr 2020 ist dieser Indikator mit 86 Punkten erstmals seit der Finanzkrise des Jahres 2008 auf ein Niveau unter 100 gesunken. 

Trends bei offenen Seminaren: Integration digitaler Lernelemente

Die Weiterbildungsdienstleister schätzen ihre wirtschaftliche Lage als bedrohlicher ein als während der letzten Finanzkrise. Die Weiterbildungsdienstleister rechnen auch nach dem Abflauen der Corona-Krise mit erheblichen Einbrüchen im laufenden Jahr 2020 sowie im Folgejahr 2021. Davon sind nicht nur die Auftragszahlen, sondern auch die Preise betroffen, da der Weiterbildungsmarkt von einem erheblichen Wettbewerb gekennzeichnet ist, sodass Preissteigerungen nicht als realisierbar angenommen werden.

Offen angebotene Seminare stellen mit einem Drittel des Umsatzes weiterhin einen wichtigen Schwerpunkt des Angebots der Mitglieder des Wuppertaler Kreises dar. Hier wird die Digitalisierung für erhebliche Veränderungen sorgen. Die Integration digitaler Lernelemente ist aktuell noch nicht bei allen offenen Seminaren ein Standard. Die Akademien sehen hier vor allem die Notwendigkeit, für die Teilnehmenden digitale Vernetzungsangebote zum Beispiel auf Lernplattformen und Lernmanagementsystemen bereitzustellen. Aus Sicht der Weiterbildungsdienstleister werden offene Seminare auch in Zukunft weiter nachgefragt, dafür spricht insbesondere die Möglichkeit der firmenübergreifenden Vernetzung der Teilnehmer und des Erfahrungsaustauschs. Offene Seminare haben laut Wuppertaler Kreis im Spektrum der Weiterbildungsformate weiterhin ihren Platz – zum Beispiel sind offene Angebote bei Weiterbildungsbedarfen für Spezialisten nicht durch interne Angebote zu ersetzen.

Firmeninterne Weiterbildung als digitales Angebot

Der zweitwichtigste Tätigkeitsschwerpunkt der Mitglieder des Wuppertaler Kreises sind firmeninterne Weiterbildungsangebote. Sie sind in die Personalentwicklung eingebunden. Die Mitglieder des Wuppertaler Kreises sehen für die Zukunft einen hohen Bedarf an digitalen Angeboten für die interne Weiterbildung. Die Akademien übernehmen hier zum Beispiel die Produktion von Video­sequenzen, die von den Beschäftigten auf internen Lern- und Wissensplattformen abgerufen werden können. Auch die Bereitstellung virtueller Lernräume für Workshops halten die Bildungsanbieter für sehr wichtig. Die Akademien sind demnach gefordert, diesen Trend zum digitalen Lernen im Prozess der Arbeit zu unterstützen. 

Das Spektrum an Leistungen der Weiterbildungsanbieter kann dabei bis zu einer sehr weitgehenden Integration in die digitale Personalarbeit der Unternehmen reichen. Hierzu gehören neben schon weitgehend etablierten Formaten wie Coaching in Videokonferenzsystemen zukünftig auch innovative KI-basierte Formate, die das individuelle Lernen im Arbeitsprozess unterstützen. Neben den digitalen Formaten der Zusammenarbeit wird auch eine persönliche Präsenz von Beschäftigten der Weiterbildungsdienstleister in den Unternehmen, wie sie für die Weiterbildungsberatung vor Ort oder die Gestaltung von Onboarding-Programmen für neue Beschäftigte erforderlich wäre, von einem Teil der Weiterbildungsanbieter in der Zusammenarbeit mit den Unternehmen als wichtiges Element eingeschätzt.

Die Digitalisierung ist laut Verbandsumfrage "der herausragende Entwicklungsmotor" in den Unternehmen. Die Veränderungen betreffen nahezu alle Geschäftsprozesse und führen zu einem hohen Qualifizierungs- und Lernbedarf. Hier gehen die befragten Weiterbildungseinrichtungen mit großer Mehrheit davon aus, dass die mobilen Arbeitsformen eine Digitalisierung der betrieblichen Weiterbildung unumgänglich machen. Gleichzeitig verändern sich auch die Lerngewohnheiten und Arbeitsformen der jüngeren Generationen. 

Digitale, unterhaltsame und mobile Bildung

Die Weiterbildungsdienstleister sind gefragt, die Betriebe in der Transformation zu unterstützen und die veränderten Lerngewohnheiten der Beschäftigten proaktiv zu nutzen. Fast alle der befragten Weiterbildungsanbieter gehen davon aus, dass die Betriebe ihre Formate an die Lerngewohnheiten der verschiedenen Generationen anpassen müssen. 

Der Aussage "Weiterbildungsangebote müssen unterhaltsamer werden und Spaß machen" stimmen immerhin 90 Prozent "eher" und "ganz" zu. Und das Statement "Mobile Arbeitsformen, die in der Covid-19-Pandemie eingeführt worden sind, machen die Digitalisierung der betrieblichen Weiterbildung unumgänglich", wird von 89 Prozent als korrekt eingestuft. "Es ist sinnvoll, soziale Medien in den Lernprozess zu integrieren", sagen immerhin 70 Prozent. Für die Weiterbildungsdienstleister ergibt sich hier die Herausforderung, dass neue und digitale Formate andere Qualifikationen beim Weiterbildungspersonal erfordern. Die Anbieter stehen dabei selbst vor der Aufgabe, die digitale Transformation in ihrem Angebot und auch bei ihrem eigenen Personal beschleunigt umzusetzen. Die Rahmenbedingungen der Pandemie haben hier den Innovationsdruck noch deutlich erhöht. Die technologische Entwicklung bietet die Möglichkeit, neue Weiterbildungsformen und -instrumente zu entwickeln. Es ist zu erwarten, dass digitale Bildungsangebote in Zukunft deutlich wichtiger werden. 


Dieser Artikel ist zuvor in "wirtschaft+weiterbildung 09/2020" erschienen. In dieser Ausgabe lesen Sie auch, wie Coaches und Business Schools ihre Angebote digitalisieren, welche Nachteile der virtuelle Raum mit sich bringt und warum "Crash-Propheten" schlechte Ratgeber sind.


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