Prütting/Wegen/Weinreich, B... / 2. Pflichten des Arztes.
 

Rn 208

Die Pflichten des Arztes werden hier in chronologischer Reihenfolge dargestellt. IRd Deliktshaftung stellen sie sich als Ausprägung der Verkehrspflichten (Berufspflichten) dar. Sie sind immer wieder neu durch die Rspr zu konkretisieren, die sich dabei auf ärztlichen Sachverstand, insb auf Gutachten (die krit zu würdigen sind, BGHZ 172, 254 Rz 20; NJW 08, 2846 [BGH 08.07.2008 - VI ZR 259/06] Rz 21 mwN; zum Verhältnis zwischen gerichtlich eingeholten und anderen Gutachten insb BGH VersR 08, 1216 [BGH 06.05.2008 - VI ZR 250/07] Rz 6 mwN), aber auch auf ärztliche Leitlinien stützt (an Letztere sind die Gerichte nicht gebunden, vgl insb MüKo/Wagner § 630a Rz 126; BeckOGK/Spindler § 823 Rz 782; Hart [Hrsg] Ärztliche Leitlinien 00; Steffen FS Deutsch 09, 615, 622 ff; Taupitz AcP 2011, 352, 379 ff; BGH GesR 08, 361 [BGH 28.03.2008 - VI ZR 57/07] Rz 4; VersR 14, 879 [BGH 15.04.2014 - VI ZR 382/12] Rz 17; sehr weitgehend Köln MedR 09, 669, dazu Schaub MedR 09, 669, 671 [OLG Köln 29.10.2008 - 5 U 88/08]; eine genaue Beweiserhebung bleibt erforderlich, BGH VersR 11, 1202 Rz 2). Die Differenzierung zwischen den unterschiedlichen Pflichten des Arztes kann für die Beweislast (s.u. Rn 219 ff), aber auch für den Verjährungsbeginn (s insb BGH NJW 17, 949 [BGH 08.11.2016 - VI ZR 594/15] Rz 10 ff) von Bedeutung sein (zu einer Abgrenzung zwischen Diagnose- und Befunderhebungsfehlern aus medizintheoretischer Sicht Kolvenbach MedR 18, 950). In neuerer Zeit wird im Zusammenhang mit der gerichtlichen Aufklärung einer etwaigen Verletzung ärztlicher Pflichten immer wieder auch eine Verletzung des rechtlichen Gehörs gerügt (s zB BGH NJW 16, 639 [BGH 15.12.2015 - VI ZR 557/15] Rz 2 ff; 641 Rz 5 ff; 713 Rz 4 ff; VersR 17, 43 [BGH 13.09.2016 - VI ZR 239/16] Rz 6 ff; 18, 38 Rz 6 ff; 379 Rz 14 ff; 1001 Rz 6 ff; 19, 1754 Rz 5 ff; GesR 19, 569 [BGH 25.06.2019 - VI ZR 12/17] Rz 6 ff). – Str ist, ob bei einem zufällig am Unglücksort anwesenden Arzt bei Notfallmaßnahmen die Haftung analog § 680 einzuschränken (dafür zB H Roth NJW 06, 2814, 2816; Spickhoff NJW 09, 1716, 1717 f; Ddorf NJW-RR 08, 1474, 1475 [OLG Düsseldorf 13.12.2007 - I-8 U 27/07]) oder von ihm die Anwendung berufsüblicher Sorgfalt zu verlangen ist (so wohl München NJW 06, 1883, 1885 [OLG München 06.04.2006 - 1 U 4142/05]; vgl auch Katzenmeier Arzthaftung 110 f; Laufs/Kern/Rehborn Handbuch des Arztrechts § 96 Rz 29f).

a) Untersuchung und Diagnosestellung.

 

Rn 209

Der Arzt ist verpflichtet, den Patienten umfassend zu untersuchen und eine Diagnose zu stellen. Ein deliktsrechtlich relevanter Behandlungsfehler liegt aber nicht bei jeder objektiv unrichtigen Diagnose, sondern nur unter besonderen Umständen vor, zB beim Unterlassen einer notwendigen Befunderhebung (s zB BGH NJW 61, 2203, 2204; BGHZ 85, 212, 217 f; 99, 391, 398 f; 138, 1, 5 ff; NJW 03, 2827 f mwN; NJW-RR 08, 263 Rz 13; VersR 14, 374 Rz 19: Verschiebung umgehend erforderlicher weiterer diagnostischer Maßnahmen; ausf Staud/J Hager § 823 Rz I 23 ff; zu möglichen Befunderhebungsfehlern bei Fernbehandlung Katzenmeier NJW 19, 1769, 1772f) oder bei Unterbleiben notwendiger Maßnahmen aufgrund einer Fehldiagnose – hier kann allerdings der Kausalitätsnachweis problematisch sein (s zB BGH NJW 95, 778 mwN; BGHZ 132, 47, 51 ff; Köln NJW 06, 69, 70; München NJOZ 06, 4538, 4539; Kobl NJW-RR 07, 532, 533; Oldbg 5 U 32/08). Eine bewusste Fehldiagnose dürfte hingegen einen Aufklärungsfehler begründen (Kobl NJW-RR 07, 1622 in Bezug auf Schönheitsoperation). Vom Befunderhebungsfehler (mit abweichender Beweislastverteilung, s.u. Rn 222 f) unterscheidet sich der Diagnosefehler dadurch, dass erhobene oder sonst vorliegende Befunde falsch interpretiert und deshalb nicht die gebotenen Maßnahmen ergriffen werden (BGH VersR 81, 1033, 1034; NJW 88, 1513, 1514; 93, 2375, 2377; BGHZ 188, 29 Rz 13 mwN; VersR 14, 374 Rz 19; NJW 16, 1447 Rz 6).

b) Aufklärung.

aa) Selbstbestimmungsaufklärung.

 

Rn 210

Die im Arzthaftungsrecht wichtigste Form der Aufklärung ist die Selbstbestimmungsaufklärung über Möglichkeiten und Wirkungen der Behandlung (Diagnose, Behandlungsmethoden und -alternativen, Verlauf, Risiken) als Grundlage für die Einwilligung des Patienten aufgrund einer Abwägung zwischen Chancen und Risiken der Behandlung (grundl BGHZ 29, 176, 180 mwN; weiterhin zB BGHZ 90, 103, 105 f; NJW 05, 1718; BGHZ 168, 103 Rz 13 ff mwN; NJW 09, 1209 Rz 11 ff; VersR 10, 115 Rz 11; NJW 15, 477 Rz 12; 19, 1283 Rz 18 mwN; Hassner VersR 13, 23; zur Verschuldensfrage Hausch VersR 09, 1178 ff; zur Aufklärung über Medizinprodukte Koyuncu/Dahm-Loraing PHI 09, 218 ff). Der Umfang der erforderlichen Aufklärung richtet sich nach den Umständen des Einzelfalls, insb nach Dringlichkeit und Risiken der Maßnahme, dh die Anforderungen an die Aufklärung steigen mit abnehmender Dringlichkeit (hier kann abgestuft werden zwischen dringlichen, sonstigen therapeutischen, diagnostischen, kosmetischen und fremdnützigen Eingriffen – zB Blutspende, BGHZ 166, 336), mit zunehmenden Risiken des Eingriffs (s zB BGH NJW 73, 556, 557; 91, 2349 mwN; 98, 1784, 1785; VersR 15, 579 Rz ...

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